Donnerstag, 31. Dezember 2015

Leseprobe: Lass deine Liebe blühen!


 



1. Februar 
Ein schönes, aber auch hartes Jahr liegt hinter mir. Schön, weil ich viele nette Menschen kennen gelernt habe, einen guten Job gefunden hatte, der mir noch immer viel Freude macht, auch wenn er nicht leicht ist. Gut war es auch, weil ich mich nun fließend auf Englisch unterhalten kann und mir nichts mehr zusammenstottern muss.
Und wie nebenbei konnte ich einiges hinter mir lassen, dafür viele neue Eindrücke sammeln.
Missouri ist ein schönes Fleckchen Erde und Jefferson City wurde mir in dieser Zeit fast so etwas wie eine zweite Heimat.
     Doch hart war es auch, ja. Anfangs war mein Englisch wahnsinnig holprig, oft musste ich im Wörterbuch nachschlagen, weil mir viele Vokabeln einfach nicht geläufig waren. Heimweh hatte ich immer wieder, mit der Zeit hat es jedoch nachgelassen. Ein paar hundert Kilometer Entfernung zu meinen Eltern waren eine Sache, zumal ich ja auch noch meinen Bruder bei mir hatte. Und diese Entfernung ist schnell mal überwunden, wenn es sein muss. Doch tausende Kilometer, getrennt durch den Atlantischen Ozean, sind eine andere Dimension.
Ich werde die Kolleginnen und Kollegen, ganz besonders Jill und Steven, sehr vermissen. Gerade die beiden waren immer für mich da. Hoffentlich schaffen wir es wirklich, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Vielleicht kommen sie mich ja auch irgendwann, in nicht allzu ferner Zukunft, mal besuchen, schön wäre es.
Aber ich freue mich auch. Auf Daniel, Sina und darauf, einfach wieder zuhause zu sein. Bleibt mir jetzt nur noch übrig, dich einzupacken, liebes Tagebuch, damit wir uns auf die lange Heimreise begeben können.
*
Auf der Suche nach einem Job und mit meinem Bruder Daniel unter einem Dach, war ich wieder in meiner Wohnung, in unserem Elternhaus, untergekommen. Unsere Eltern hatten damals ein Zwei-Familien-Haus gekauft, noch eine zusätzliche Wohnung für sich selbst angebaut und den Rest vermietet, bis Daniel und ich unser eigenes Geld verdienten und jeweils eine der „alten“ Wohnungen bezogen. Nach wie vor war unser Familienzusammenhalt sehr groß, auch wenn unsere Eltern derzeit in Spanien lebten.
Es war meist Daniel, der schon beim gemeinsamen Frühstück in der Zeitung stöberte. Ich las sie normalerweise erst etwas später, wenn er bereits auf der Arbeit war. An diesem Morgen, nur wenige Tage nachdem ich aus Amerika zurückgekommen war, sollte es anders sein.
Daniel, sein kurzes, lockiges schwarzes Haar stand noch wirr in alle Richtungen, schaute mich plötzlich aus seinen klaren, blauen Augen an. Dann reichte er mir das erste Blatt der Stellenangebote und zeigte auf eine der Anzeigen.
„Hier, für dich."
Morgens war Daniel immer wenig gesprächig. Ich nahm das Blatt und las die Annonce. Es wurde, für einen vorübergehend bettlägerigen jungen Mann, eine Vollzeitbetreuung gesucht. Voraussetzungen: mehrjährige Berufserfahrung als Krankenschwester, neben Deutsch idealerweise sehr gute Kenntnisse der italienischen Sprache in Wort und Schrift, sofortiger Arbeitsbeginn, zwingend Reisebereitschaft, ein sehr ruhiges, gelassenes Wesen und absolute Verschwiegenheit. Allerdings - ein `Rund um die Uhr` Job. Geboten wurde dafür `Top-Bezahlung` und Unterkunft. Leider nur für `absehbare Zeit`. Und die Bewerbung bitte auf Italienisch? Nun gut, das sollte das geringste Problem an der Sache sein.
„Und?“, wollte er wissen.
„Was, und?“
„Na, ist das was, oder nicht?“, wurde er ungeduldig.
Seine sonst so weichen Gesichtszüge, aus dem die markante Nase so herausstach, verzogen sich, und wirkten nun etwas düster. Sein Kinn trat dabei auch immer deutlich hervor. Wie immer, wenn er ungeduldig wurde.
„Doch, doch“, antwortete ich zerstreut, nochmals die Anzeige lesend.
Ich dachte nach, es wäre immerhin ein Anfang und überhaupt … wer weiß, ob ich den Job bekommen würde? Und reisebereit war ich auch. Warum eigentlich nicht? Ob ich jetzt hier oder anderswo arbeitete, ich fühlte mich sowieso noch nicht richtig angekommen.
Ich machte also direkt meine Bewerbungsunterlagen fertig und schickte sie ab. Schon zwei Tage später meldete sich ein Herr Moreno. Ich konnte es kaum fassen, dass er sich baldmöglichst mit mir treffen wollte. Ob er mich gleich morgen früh schon besuchen dürfte? Ich sagte natürlich zu, obwohl es mich etwas wunderte, das er zu mir kommen wollte, und dies auch noch so schnell. Aber da Daniel am nächsten Morgen frei hatte war ich wenigstens nicht alleine in der Wohnung. Zudem musste der Typ ja auch erst einmal kommen …
*
Und er kam tatsächlich. Pünktlich um zehn Uhr stand er vor der Tür.
„Guten Morgen, sie sind sicher Herr Moreno?", erkundigte ich mich, als ich die Tür öffnete.
Ja, genau so sah für mich ein typischer Italiener aus: kaum größer als ich, schwarze, ganz kurze gelockte Haare und ein leicht Oliv-Farbener Teint. Ein wenig kompakt, so könnte man seine Statur nennen, mit einem rundlichen Gesicht und einer kleinen, ja, fast schon einer Stupsnase.
„Genau, guten Morgen. Frau Wirtz, nehme ich an?" Und damit reichte er mir die Hand, die ich ergriff.
„Die bin ich, ja. Kommen Sie doch bitte herein." Ich führte ihn die Treppe hoch ins Wohnzimmer, wo ich schon Tassen, Kaffee, Milch und Zucker bereitgestellt hatte und er nahm auf der Couch Platz. Ich setzte mich, gespannt auf das, was mich erwartete, auf den Sessel ihm gegenüber.
Die angebotene Tasse Kaffee nahm er gerne an, bevor er zu sprechen begann: „Sie wundern sich sicher über die etwas ungewöhnliche Art und Weise meines Vorgehens, aber ich war zum Glück gerade sowieso in der Nähe. Es wäre für sie sicher schwieriger gewesen, mal eben zu uns nach Italien zu kommen."
Italien? Ich schaute ihn mit großen Augen etwas verwundert an.
„Ich glaube, ich erkläre Ihnen besser erst einmal, um was es überhaupt geht. Ich bin der Manager von Marcin Kozak, Sie haben vielleicht in den Nachrichten von seinem schweren Unfall gehört?"
Ich nickte. Marcin Kozak war, trotz seines noch relativ jungen Alters von gerade mal 25 Jahren, bereits ein sehr gefragter Rennfahrer und in Deutschland schon fast so etwas wie ein Nationalheld. Er war vor wenigen Tagen, bei einer Testfahrt auf der Rennstrecke in Imola, schwer verunglückt. Die Bilder waren tagelang durch die Presse gegangen. Es grenzte an ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte.
„Wie geht es ihm?", wollte ich wissen.
„Sagen wir mal … den Umständen entsprechend. Als ich Vorgestern weggefahren bin, lag er noch im künstlichen Koma, aber schon vor ein paar Tagen haben sie die Medikation geändert, sodass er gestern Morgen wieder ein wenig zu sich gekommen ist. Etliche Knochenbrüche, Prellungen und innere Verletzungen hat er. Doch so wie es aussieht, wird alles, auch die Hand, die so schwer verletzt wurde, wieder in Ordnung kommen. Er wird zwar im Krankenhaus recht gut betreut, aber dennoch suchen wir jemanden, der sich die nächsten Monate, bis er wieder soweit fit ist um alleine klar zu kommen, voll und ganz nur um ihn kümmern kann. Also wirklich rund um die Uhr und mit allem drum und dran. Ihren Unterlagen zufolge sind Sie für den Job an sich bestens geeignet.“
„Was heißt das, für den Job an sich?“ Die ganze Sache wurde irgendwie immer seltsamer.
„Leider kann Marcin manchmal ziemlich … eigen sein“, fuhr er etwas zögernd fort, „oft aber auch ein richtiges Ekel. Ob Sie mit ihm klarkommen, das müssten wir halt versuchen. Jetzt meine Frage an Sie: Wäre das ein Job für Sie? Und könnten Sie sofort anfangen?"
Ich dachte nur ganz kurz darüber nach. Was hatte ich zu verlieren? Schlimmstenfalls kam ich bald wieder nach Hause, und musste weiter nach einem Job suchen.
Ich gab mir schnell den entscheidenden Ruck: „Ja. Also den Job traue ich mir auf jeden Fall zu. Ich war ja in der Klinik in Amerika bereits mehrere Monate auf der Intensivstation tätig. Alles andere müssen wir wohl auf uns zukommen lassen, aber ich bin da ziemlich hart im nehmen. Und wie schnell wäre sofort?"
„Nun ja, das heißt, ich würde Sie jetzt sofort mitnehmen, genau gesagt, sobald Sie gepackt haben. Wir brauchen wirklich dringend jemanden dort unten, der Italienisch spricht. Marcin versteht leider nur sehr wenig außer Pizza und Pasta, dass würde die Verständigung mit den Ärzten und besonders dem Pflegepersonal auf Dauer viel zu schwierig machen." ...

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