Mittwoch, 17. Februar 2016

Leseprobe: Sissi - ein Pony-Leben

 



Märchen beginnen mit `Es war einmal …`. Dies hier ist keines. Oder vielleicht doch?
So sicher bin ich mir da selber nicht, denn was mir da vor kurzer Zeit passiert ist, kann ich selbst noch nicht so ganz glauben. Deshalb bin ich auch keinem böse, wenn er mir nicht glaubt. Aber ich bin mir ganz, ganz sicher, dass es tatsächlich so war, wie ich es erzählen werde.
Es war vor etwa zwei Wochen, ein wunderschöner Tag. Die Sonne schien, es war herrlich warm und auch die Vögel und Schmetterlinge waren fleißig unterwegs. Deshalb hatte ich morgens beschlossen, bei diesem tollen Wetter einen Ausflug zu machen. Also packte ich meinen Rucksack, setzte mich auf mein Fahrrad und radelte einfach drauf los.
Ein bestimmtes Ziel hatte ich nicht, so fuhr ich erst einmal in Richtung Wald. Ich kam an vielen frisch abgeernteten Feldern vorbei, wo es wunderbar nach Heu duftete, überquerte eine Brücke und folgte dann dem Lauf des Baches. An der Stelle, an der dieser in einen Weiher mündete, bog ich ab und von da an ging es eine ganze Zeit lang bergauf. Als ich den Waldrand erreicht hatte legte ich erst mal eine kurze Pause ein. Ich war ganz außer Puste geraten.
Eine richtig schöne Aussicht hatte man von hier oben. Ich sah ein paar der umliegenden Dörfer, einige Weiher, einsame Bauernhöfe und den etwas weiter entfernten Eisenbahntunnel, aus dem gerade ein Zug herausfuhr. Nachdem ich noch etwas getrunken hatte, radelte ich weiter.

Nun kam ich noch an einigen Weiden vorbei, auf denen mal Kühe, mal Pferde standen, an Feldern, auf denen der Mais schon gut gewachsen war und schließlich an eine kleine Grillhütte. Neben dieser stand noch eine andere Hütte, oder besser gesagt, ein Unterstand, der auf einer Weide stand. Auf dieser Weide standen mehrere Ponys und dem teilweise schon etwas grauen Fell nach, waren sie alle nicht mehr die Jüngsten. Da mir dieser Platz so gut gefiel, machte ich eine längere Pause.
Aus meinem Rucksack nahm ich eine Flasche Limo, einen Apfel und eines meiner Brote. Als ich anfing zu essen, sah ich, dass eines der Ponys aus der Herde langsam zu mir an den Zaun kam und mich eine Weile ansah. Dann senkte es den Kopf und begann, sich ein paar Grashalme zu rupfen.
Auch ich aß weiter, bis ich plötzlich eine Stimme hörte, die fragte: „Wer bist du denn?“.
Fast hätte ich mich an meinem Brot verschluckt, so erschrocken war ich! Lange schaute ich mich um, aber ich sah niemanden. Außer diesem Pony und seiner Herde, die einige Meter weiter weg stand und friedlich graste. Na ja, dachte ich mir, vielleicht war ich mit den Gedanken irgendwo anders und habe mir das nur eingebildet.
Aber dann hörte ich diese Stimme schon wieder: “Hallo, wer bist du?“, fragte sie.

Doch ich konnte immer noch niemanden sehen, dem sie gehören könnte. Also fragte ich: “Wer spricht hier?“
„Na ich“, bekam ich zur Antwort.
Mein Blick ging zu dem Pony und ich sprach zu mir selber: “Das kann nur ein Traum sein. Ponys können nicht sprechen und sonst ist hier niemand außer mir. Aber diese Stimme ist doch da!“
Und da sagte die Stimme: „Nein, eigentlich können Ponys nicht sprechen, aber du kannst mich trotzdem verstehen. Die meisten Menschen geben sich einfach zu wenig Mühe, uns verstehen zu wollen.“
Ich sah das Pony ganz verwundert an und fragte: „Redest du wirklich mit mir?“
„Ja“, meinte es, „ich bin die Sissi und wie heißt du?“
„Ich heiße Kristin, aber alle nennen mich einfach Kris.“

„Freut mich, dich kennen zu lernen“, sagte Sissi, „und wie kommst du hierher? Ich habe dich noch nie hier gesehen.“
Ich erzählte ihr, dass ich eigentlich nur so herumfuhr und die gute Luft genießen wollte. Dass es nur ein Zufall war, dass ich gerade hier vorbeikam. „Und wie kommst du hierher?“, wollte ich von ihr wissen.
„Ich wurde vor sehr vielen Jahren irgendwo, ziemlich weit weg, an einem anderen Ort geboren“, begann sie zu erzählen. „Es war in einer sehr kalten, stürmischen Nacht und der Wind rüttelte an der Stalltür. Als ich gerade auf der Welt war, begann meine Mama mich sofort trocken zu lecken. Als sie damit fertig war meinte sie, dass ich es jetzt mal mit dem Aufstehen versuchen sollte. Also diese Steherei war schon eine sehr schwierige Sache. Bei den ersten zwei Versuchen fiel ich gleich wieder ins Stroh. Aber dann stand ich! Zwar noch etwas wackelig, aber ich stand. Um zu Kräften zu kommen trank ich bei Mama erst mal einen guten Schluck Milch. Die war ja so lecker. Bald darauf lag ich wieder im Stroh und schlief durch bis zum Morgen.“

„Ihr wart beide alleine, als du auf die Welt gekommen bist? Wirklich?“ Ich war überrascht. „Ich dachte, da wäre entweder der Besitzer oder ein Pferdepfleger dabei?“
„Nein“, gab sie zurück, „Pferdemütter sind dabei sowieso am liebsten alleine. Normalerweise passen Menschen auch nur dann besonders auf, wenn sie vermuten, dass es Probleme gibt. Außerdem, wie sollten wir euch Menschen denn Bescheid geben, dass die Geburt beginnt? Anrufen können wir euch ja nicht.“
„Da hast du ja Recht. Wie ging es denn am nächsten Morgen weiter?“
„Da wurde ich von Geklapper und dem Gebrummel der anderen Pferde im Stall wach. Meine Mama hat mir erzählt, dass es unsere Zeit für das Morgenfutter ist. Während Mama das fraß, was sie Heu nannte, kamen zwei Menschen zu uns. Einer kam sogar in unsere Box und hat mich angefasst. Igitt, war das ein komisches Gefühl, aber Mama hat gesagt, die tun mir nichts. Von wegen, der zweite Mensch kam auch rein und hat mich gepikst. Impfung nannten die das.“

„Das kann ich wirklich gut verstehen“, sagte ich zu Sissi. „Ich mag es auch nicht, wenn ich gestochen werde.“
„Na ja, so schlimm war es eigentlich auch nicht. Mama war ja die ganze Zeit bei mir und hat auf mich aufgepasst. Der eine sagte sie, sei der Mensch zu dem wir gehören, der andere ein Doktor, der uns hilft wieder gesund zu werden, wenn wir mal krank sind. Ich habe ihn später noch öfters gesehen. Irgendwann habe ich ihn sogar gemocht.“
„Das ist doch schön. Meine Freundin arbeitet bei einem Tierarzt, sie hat mal gesagt, dass die meisten Tiere Angst vor ihm haben. Das ist schade, denn er gibt sich wirklich viel Mühe, damit das nicht so sein soll. Aber erzähl doch mal, was an dem Tag noch alles passiert ist. Weißt du das noch?“

„Alles weiß ich leider nicht mehr, das ist ja schon ziemlich lange her.“ Sie schien kurz nachzudenken, bevor sie weitererzählte. „Einige Milchportionen und Schläfchen später kamen zwei kleinere Menschen, Susi und Steffi. Die haben sich sehr gefreut, als sie mich zum ersten Mal sahen. Und dann kamen die Beiden auch ganz langsam, um ich nicht zu erschrecken, in unsere Box und meinten, was für ein schönes Fohlen ich doch sei. Sie haben Mama und mich ganz viel gestreichelt. Mama sagte mir, dass ich vor ihnen keine Angst haben müsste, sie wären immer sehr lieb zu ihr gewesen. Und dabei haben sie mir auch einen Namen gegeben: Polly.“
„Polly? Ich dachte, du heißt Sissi?“, wand ich ganz verwundert ein.

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